Rückblick auf 30 Jahre Wagenthalhütte

In den 60er Jahren hatten wir in der Sektion Bayreuth eine große und sehr erfolgreiche Bergsteigergruppe. Ihr Kern kam aus der Jungmannschaft und zeichnete sich viele Jahre durch einen bemerkenswerten Zusammenhalt bei kleinen und großen Unternehmungen aus. Damals hatten wir erstmals eine Idee. So wie wir in der Fränkischen Schweiz das Hans - Putschky - Haus selbst gebaut hatten, wollten wir auch im Fichtelgebirge eine eigene Sektionshütte bauen oder erwerben. Denn besonders im Winter vermissten wir eine eigene Unterkunft schmerzlich. Da die Gasthäuser für uns unerschwinglich waren, wanderten wir sehr oft samstags nach der Arbeit bei stockdunkler Nacht vom Bahnhof Warmensteinach zur Hütte der Sektion Hof unter dem Rudolfstein. Am Sonntag ging’s dann über Schneeberg und Ochsenkopf wieder zum Zug zurück. Ein oder zwei Winter lang durfte ein kleiner Kreis um Widu Langenmaier ein kleines Gartenhaus hoch über Oberwarmensteinach mit benützen. Es gab weder Strom noch Wasser, die nötigen Briketts trugen wir im Rucksack hinauf.

Gegen Ende der 60er Jahre besuchte dann eine Kommission der Vorstandschaft zwei angebotene Häuser und Hütten in Oberwarmensteinach. Beide erwiesen sich als ungeeignet. Doch wir blieben am Drücker.

1970 ergab sich unerwartet eine neue Gelegenheit. Von vielen Langlaufwettbewerben kannte ich den „Höll-Seppl" sehr gut, den Bürgermeister von Oberwarmensteinach mit bürgerlichem Namen Joseph Prechtl. Eines Tages sprach er mich an und meinte er hätte etwas speziell für uns, in einmaliger Lage.

Vor nicht langer Zeit hatte die Bundeswehr bei der Errichtung der Ochsenkopfpisten tatkräftig mitgeholfen. Als Gegenleistung hatte ihr die Gemeinde ein Grundstück im Wagenthal zur Verfügung gestellt. Mehr schlecht als recht hatten die Soldaten darauf eine einfache billige Hütte gestellt. Kein Strom, kein Abwasserkanal, keine Dachisolierung, dünne Außenwände. In der Küche ein Kohleherd, im Aufenthaltsraum ein großer Kohleofen. Heute arbeitet darin übrigens ein Gasofen. Waschraum und Schlafraum waren unbeheizt.

Irgendwann hatte die Bundeswehr kein Interesse mehr an ihrer „Winterkampfschule". Vermutlich war es dort zu winterlich. Nur ab und zu gab es inoffizielle, sehr feuchte Feiern mit entsprechender Hinterlassenschaft. Die Hütte verkam, zum Ärger der Gemeinde, zur geheimen Absteige für Landstreicher.

Die Lösung war die Sektion Bayreuth des DAV. Aber nur fast. Denn da war noch der Nutzungsvertrag mit der Bundeswehr, der noch einige Jahre lief. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir einigten uns mit Handschlag und einem mehr als windigen Vertrag für eine gemeinsame Nutzung. Ich wurde zum Hüttenwart bestimmt und gab dafür das Hans - Putschky - Haus ab. Am 20. Dezember 1970 eröffneten wir zusammen mit 98 Gästen und Mitgliedern die Hütte. Glücklicherweise kamen wir uns in der Folge mit den Soldaten nie in die Quere.

Aber es passierten andere, schrecklichere Dinge. Bei starkem Frost, das gab’s damals noch, gefroren die dünnen Kupferwasserleitungsrohre innerhalb der Hütte. Wenn dann samstags Nacht der große Ofen endlich Wärme abgab, kam was kommen musste. Sonntags früh, wenn die ahnungslose Belegschaft über die Hühnerleiter herunterkam, die damals direkt in den Aufenthaltsraum führte, stand die gesamte Hütte 5 cm unter Wasser. Und es spritzte weiter! Oder, wenn es sehr viel Schnee gab, das gab’s damals auch noch, kam der Werner Glaser vom Wagenthal nicht mit seiner Jauchepumpe an die Hütte heran. Die Jauchegrube lag nämlich innerhalb der Hütte direkt unter dem jetzigen Geräteraum. Also dann quoll die Sch.....aus allen Gullys, es stank grauenvoll und die Hütte war bis zum nächsten Tauwetter nicht mehr zu benützen.

Ja, der Werner. Er verwaltete lange Jahre den Schlüssel und hatte ein Auge auf die Hütte. Er räumte uns für die Zufahrt über sein Grundstück, den Abwasserkanal und die Stromleitung freimütig Grunddienstbarkeiten ein. Einzige Bedingung: Kein Konkurrenzwirtschaftsbetrieb auf der Hütte! Wenn man ihn brauchte, raunzte er zwar, aber er kam. Leider hatte er kein gutes Ende.

Ärgerlich war auch die Sache mit den Kohleöfen und der riesigen Aschetonne. Wenn am Sonntag Abend die Letzten abhauten, war noch Glut in den Öfen und sie konnten nicht gesäubert werden. Oft war am nächsten Samstag die Asche steinhart verbacken und der Schnee lockte. Also wurde ohne Ausräumen rasch angeheizt. Irgendwann brachen deshalb die gusseisernen Roste. Die Aschetonne war natürlich immer randvoll, und nicht nur mit Asche. Und wohin dann mit dem schweren schleimigen Zeug, bei 100 cm Schnee? Die Beleuchtung mit der glänzenden Petromaxlampe war eine Wissenschaft für sich. Kaum einer, der sie in Gang zu setzen verstand.

Trotzdem, es war eine phantastische Zeit. Ohne sie hätten wir das, was später kam, nie und nimmer geschafft. Inzwischen war der Vertrag der Gemeinde mit dem Militär ausgelaufen. Die Sektion entschloss sich, die Hütte zu pachten. Wir versuchten mit gemeinsamen Arbeitseinsätzen erste Verbesserungen: Außenhaut aus Eternit, Dachisolierung, Matratzenlager, Gasheizung und -beleuchtung. Vieles wurde nun besser, aber lange noch nicht gut.

Dann, 1975 größte Aufregung im Verein. Was war geschehen? Die kleine Gemeinde Oberwarmensteinach sollte nach Warmensteinach eingemeindet werden. Der schlaue Fuchs „Höll-Seppl" hatte uns angeboten, die Hütte für DM 35.000.- zu kaufen. Solange nämlich wie er noch das Sagen hatte. Denn jetzt ginge dieser Erlös noch in die Kasse seiner Gemeinde. Wer weiß, was Warmensteinach machen würde. Und außerdem gönnte er uns die Hütte!

Die Auseinandersetzungen in der Vorstandschaft waren lang und oft mit harten Bandagen. Doch bei allen Gegensätzen, immer galt streng „fair play". Schließlich setzten wir Junge uns auf einer außerordentlichen Hauptversammlung durch. Die Hütte, nach Lage der Dinge wohl eine einmalige Chance für die Sektion, wurde gekauft. Allerdings wurde vereinbart, dass die Unterhaltskosten sich aus den Einnahmen selbst finanzieren müssten. Was übrigens immer eingehalten wurde.

Im Jahre 1982 hatten wir mit dem dauernden Ärger genug, der sich aus der übernommenen miesen Bausubstanz der Hütte ergab. Es wurde der völlige Um- und Innenausbau beschlossen. Die Finanzierung war schwierig. Soweit ich mich erinnere, hatten wir Eigenmittel der Sektion, vom Hauptverein, Bausteine der Mitglieder und einen Zuschuss der Stadt. Wir hatten sogar den ganzen Stadtrat auf die Hütte gelotst. Leider sind die Protokolle der damaligen Vorstandssitzungen nicht mehr auffindbar.

Mein Bruder Günter zeichnete die umfangreichen Pläne: Abriss des alten Windfanges und Eingangs. Völliger Neubau eines Eingangsbereiches mit Haustür, Vordach, Windfang und Hüttenwartzimmer. Schaffung eines zentralen Vorraumes mit neuer Treppe in den Schlafraum. Verfüllung und Verschluss der Jauchegrube unter dem Geräteraum. Abriss der alten Sanitäranlagen und Neubau von zwei gefliesten Waschräumen mit Duschen, Toiletten und Warmwasserversorgung. Umgestaltung des ursprünglichen Vorraumes in einen zweiten Aufenthaltsraum. Wärmedämmung des Fußbodens, Umsetzung einiger Fenster, unter anderem von der Ost- zur Südseite der Küche. Anbringung einer wirksamen Wärmedämmung rund um die gesamte Hütte, Holzverkleidung und Fensterläden. Abriss des alten Daches, Aufbau einer Wärmedämmung und Neueindeckung mit Alublech. Äußerst arbeits- und kostenintensiver Anschluss an die Abwasser- und Stromversorgung von Oberwarmensteinach über einen etwa 300 m langen Kanal mit Revisionsschächten. Aushub einer großen Grube im gewachsenen Fels für einen Abwasserbehälter mit Tauchpumpe. Einfriedung der Terrasse mit Natursteinen . Belegen des Terrassenbodens mit schweren geschnittenen Granitabfallplatten. Neueinrichtung der Küche.

Am 14. August fingen wir zu dritt mit Vermessungsarbeiten an: Mein Bruder und Andreas, mein Sohn. Vorgesehen war ein schrittweiser Umbau, sodass einerseits die vorhandenen Mittel für die jeweilige Stufe ausreichten, andererseits der Betrieb weitergehen konnte. Aber, wie sich herausstellte zum Glück, hatten wir die Rechnung ohne die Einsatzbereitschaft und unbändige Arbeitswut von Rebitzer, Hermann, Kolb, Schrott & Co. gemacht. Schaute ich vor der Hütte nach dem Baufortgang, rissen sie schnell hinten ein Trumm mehr ab als geplant. Holte ich grade Brotzeit beim Metzger, hatten sie in Minutenschnelle eine ganze Wand umgelegt dass es staubte. Doch zu ihrer aller Ehre muss gesagt werden, beim Neuaufbau waren sie noch fixer.

Gute 2 ¼ Jahre ging das so. Mal ruhiger, mal hektisch. Das Spiel begann jeweils schon am Donnerstag mit dutzenden von dringenden Telefongesprächen „Hast Du am Wochenende Zeit?" Keiner hatte Zeit! Die Oma, ein Geburtstag, das Kreuz vom letzten Mal. Ich weiß gut, wie gerne sie alle zum Baden oder Klettern gegangen wären. Wie oft stand ich am Samstag Mittag allein auf der Baustelle. Aber nie ließen sie mich in Stich, Roland, Kurt, Willi, Vons, Harras und Kumpane! Manchmal kam scheinbar nur einer, aber dann waren es doch wieder 5, 10 oder gar 25 Mann, die zupackten. Die Fortschritte waren eine Freude, möglich gemacht durch eine Riesenkameradschaft, an die wir immer noch denken.

Am 24. November 1984, nach 80 Arbeitseinsätzen, schließt mein umfangreiches Bautagebuch: Mit Fritz Rost wurden Küche und kleiner Aufenthaltsraum geweißt, die gesamte Hütte aufgeräumt und staubgesaugt. Alle gemeinsam, zusammen wohl an die 100 freiwillige Helfer mit etwa 8ooo Arbeitsstunden auf der Baustelle, hatten wir es ohne Unfall noch vor dem Winter geschafft. Ungezählt bleiben dabei die zahllosen Telefongespräche, Besprechungen und der individuelle Zeitaufwand für die Materialbeschaffung, den Transport und die Organisation der Arbeit am Bau. Die Wagenthalhütte stand da, innen und außen im neuen Glanz! Ein Ruhmesblatt für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Gleichgesinnten alten und jungen Bergsteigern unserer Sektion an einem großen Ziel. Der Umbau kostete DM 85.000.- ein Grundstückszukauf DM 10.000.- Insgesamt wurden für die Wagenthalhütte also rund DM 130.000.- ausgegeben, die bereits erwähnten Eigenleistungen nicht eingerechnet.

Die Jahre vergingen. Flogen früher schon mal im Sturm Teile des Daches davon, regnete es herein oder platzen Wasserleitungen, so widerstand die Hütte seit dem großen Umbau allen Unbilden. Noch etwas macht den unaufhaltsamen Lauf der Zeit sichtbar: 1970 stand die Hütte völlig frei im Gelände. Heute ist sie ringsum von hohen Bäumen umgeben.

Die Zeiten, in denen regelmäßig ein, zwei Dutzend Bayreuther Bergsteiger und Skifahrer mit Familie an jedem Winterwochenende froh waren über die eigene gemütliche Unterkunft im Fichtelgebirge, sind lange vorbei. Heute ist jeder motorisiert und es gibt leider viele Gründe, die Heimfahrt in die nahe Stadt der Übernachtung auf der Hütte vorzuziehen. Der einstige enge Zusammenhalt der Gruppe über das Wochenende ist der großen Individualität gewichen, die das Auto bietet. So hat sich nach und nach die Bedeutung der Hütte für die Sektion geändert. Heute wird das Haus vor allem bei Veranstaltungen der verschiedenen Sektionsabteilungen genützt. Der Zuspruch durch befreundete Sektionen und Vereine dürfte wohl gleich geblieben sein.

Am 10. April 2000, also nach 30 Jahren, etwa 440 Tagesarbeitseinsätzen und 24.000 Kilometern im Dienst der Sektion und der Hütte, übergab ich sie meinem jungen Nachfolger Henrik Götz. Ich wünschte ihm dafür „eine glückliche Hand, Augenmaß und Weitblick für die tatsächlichen Erfordernisse einer einfachen Wanderer- und Bergsteigerunterkunft". Denn ich meine, dass der spezifische DAV-Hüttencharakter, die einfache Selbstversorgerbewirtschaftung und dadurch wenig aufwändige Bewartung auch in Zukunft erhalten bleiben sollten.

Bei dieser Hauptversammlung wurde ich für die Zeit als Hüttenwart und für die langjährige Mitarbeit im Vorstand in mehren Funktionen mit der hohen Ehre der Ehrenmitgliedschaft der Sektion ausgezeichnet. Dafür und für den Vorschlag für das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für Verdienste im Ehrenamt bedanke ich mich ganz besonders herzlich.

Inzwischen hat Henrik Götz mit Eifer und großem Fleiß weitergearbeitet. Mit vielen Verbesserungen wurde die Bausubstanz der Wagenthalhütte gesichert, der Komfort des Hauses gesteigert und den wohl gestiegenen Ansprüchen der Zeit angepasst.

 
Deutscher Alpenverein e.V. - Sektion Bayreuth
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